urw. Gleich an zwei Orten überrascht die Künstlergruppe l’art pour l’aar in diesem Jahr die Bergwandernden mit einer irritierenden Arbeit: An der Grimsel und auf der Greina verweist sie mit Panoramatafeln auf Parallelen und Unterschiede in der Geschichte von zwei grossartigen Gebirgslandschaften. Eingeladen zum «Kultursommer Greina 2004» hatte die SAC-Sektion Piz Terri.
Greina 04
Grimsel 04
Was aussieht wie eine übliche Panoramatafel, überrascht die Grimsel- und Greina-Wandernden erst beim genauen Hinsehen: Sie stehen nämlich nicht vor dem Abbild der umliegenden Berghorizonte, sondern vor kopierten Börsenkurven. Die Tafel orientiert sie nicht, wie erwartet, über die geografischen Daten, vielmehr erzählt sie – unter dem Titel «Börsen und Berge» – die von Schutz- und Nutzungsinteressen geprägte Geschichte der Landschaft. Die Arbeit «PANORAMA 2004» der Künstlergruppe l’art pour l’aar steht seit Ende Juni gleichzeitig an prominenten Aussichtspunkten beim Grimsel Hospiz und in der Greina-Ebene zwischen dem Bündner Oberland und dem Tessiner Val Blenio. Entstanden ist die Arbeit im Rahmen des «Kultursommers Greina 2004», lanciert von der Sektion Piz Terri des Schweizerischen Alpen-Clubs (SAC). Sie ist eines von 26 Landschafts-Kunstwerken, welche die Jury aus über 100 Eingaben aus der Schweiz und Deutschland ausgewählt hat.
Einen Namen gemacht hat sich die Gruppe l’art pour l’aar mit jährlichen Arbeiten in der Grimsellandschaft. Veranlasst durch das gigantische Kraftwerkprojekt Grimsel West schlossen sich 1992 Künstlerinnen und Künstler zusammen, um auf die geplanten Zerstörungen am Ursprung der Aare aufmerksam zu machen. Seit die Kraftwerke Oberhasli AG auf ihr Grossprojekt verzichtet haben, engagiert sich l’art pour l’aar mit Kunstaktionen an der Grimsel für eine nachhaltige Nutzung des Berggebiets. «PANORAMA 2004» ist die erste Arbeit von l’art pour l’aar, die auch ausserhalb des Grimselgebiets zu besichtigen ist. Dass sie ausgerechnet in der Greina-Ebene steht, ist kein Zufall: Grimsel und Greina gehören offiziell zu den schützenswerten Gebirgslandschaften der Schweiz, und die Geschichte beider ist geprägt von jahrelangen Auseinandersetzungen um Schutz oder Nutzung.
Die Bündner Gemeinden Vrin und Sumvitg hatten 1958 die Konzession für die Überflutung der Greina erteilt und übereifrige Kartografen hatten den Greina-Stausee bereits in die neuste Ausgabe der Schweizer Schulkarte eingezeichnet, als sich schweizweit Widerstand formierte. Aus «wirtschaftlichen Gründen» verzichtete die Elektrizitätswirtschaft 1986 auf die Nutzung der Greina. Nach harten Auseinandersetzungen und im Dialog zwischen Schützern und wirtschaftlich Betroffenen wurde die Greina-Landschaft schliesslich unter den Schutz des Bundes gestellt. Heute gilt sie als Symbol für eine Landschafts- und Regionalpolitik, die sich gegenseitig verträgt. Die Auseinandersetzungen um die Greina waren nämlich Anstoss für den 1992 vom Schweizer Volk beschlossenen «Landschaftsrappen», eine Entschädigung für Kantone und Gemeinden, die auf die Nutzung von Landschaften von nationaler Bedeutung verzichten. Die für entgangene Wasserzinsen entschädigten Bündner Gemeinden garantieren die Unberührtheit der Greina mindestens bis ins Jahr 2038. An der Grimsel sind die Auseinandersetzungen um die Verträglichkeit und das Ausmass einer weiteren Nutzung noch im Gang.
Ohne zu werten, in trockenen Zahlen und Fakten, listet «PANORAMA 2004» die Geschichte der zwei Gebirgslandschaften auf, von den Anfängen der Alpenforschung bis heute. Die Arbeit passt in die Reihe der bisherigen Werke von l’art pour l’aar: Mit den Mitteln der Überraschung und Irritation wollen sie Informationen liefern zur Bergwelt, Denkanstösse zur Auseinandersetzung um die wünschbare Nutzung und den notwendigen Schutz. Die Installation «PANORAMA 2004» ist noch bis am 1.Oktober zu sehen in der Nähe der Terrihütte und auf dem Bergweg zwischen Grimsel Hospiz und der Spitellammsperre.
An «PANORAMA 2004» sind beteiligt: Mercedes Capdevila, Christoph Flück, Michel Jaussi, Iris Krebs, Rittiner & Gomez, Nick Röllin, Heinz Stähli, Peter Stähli, Adolf Urweider, Hansueli Urwyler, Mauro Bieg. Die Arbeiten von l’art pour l’aar werden jeweils dokumentiert und wurden bisher an folgenden Orten ausgestellt: 1992 und 2003: Kunstmuseum Thun, 1999: Alpines Museum Bern, 2002: Kunsthalle Bern. 1999 organisierte l’art pour l’aar zusammen mit dem Schweizerischen Alpen-Club im Gebiet der Aare- und des Rhonegletschers die Landschaftskunstaktion «Gletscherblick 99» mit internationaler Beteiligung. (urw)