Vermessen

 

Künstler setzen Zeichen

Das Kollektiv "l’art pour l’aar" hat eine Hektare Grimsellandschaft genau vermessen und 100 weisse Tücher ausgelegt. Damit wollen sie Zeichen setzen. Ihre Botschaft: "Wer die Natur der Technik opfert, handelt vermessen."

Die Künstlergruppe "l’art pour l’aar" macht seit 1992 mit Aktionen auf sich aufmerksam. Heuer liess sie sich Folgendes einfallen: Auf Weideland westlich der Grimselpasshöhe legte sie 100 quadratische Tücher aus, in weitem Abstand, aber streng in Reih und Glied. Sie nahm damit eine archaische Landschaft in Beschlag und überstülpte ihr ein der Natur völlig fremdes Denkmuster. Doppelsinniger Titel der Installation: "Vermessen."

Zerstörung droht

"Wir wollen zeigen, wie Ingenieure von der Landschaft Besitz ergreifen", sagen die Künstler. "Wo die Landschaft einzig durch die Brille ökonomischer Verwertbarkeit und technischer Machbarkeit betrachtet wird, droht ihre Zerstörung." Gruppenmitglied Hansueli Urwyler aus Unterseen bezieht diese Kritik nicht allein auf die Kraftwerke Oberhasli. "Die KWO tun auch viel Gutes", sagt er. Er selber sei kein Fundamentalist, fügt er bei, nicht unbedingt ein Grüner, eher ein Weisser: "Leben und leben lassen" sei sein Grundsatz.

Die Aktion stand unter keinem glücklichen Stern. Eigentlich hätte sie zusammen mit dem jährlichen Mahnfeuer des Grimselvereins am Sidelhorn Anfang August stattfinden sollen. Schlechtes Wetter erzwang mehrmals eine Verschiebung. Aufgespannt und mit Heringen festgenagelt wurden die Tücher Ende Monat bei dichtem Nebel. Kurz darauf fiel Schnee: Die Natur überdeckte die Installation und setzte ganz andere Muster in die Landschaft. So kurzlebig kann Kunst sein.

Warum eine Aktion so spät im Jahr? Hansueli Urwyler hätte es widerstrebt, im Sommer Weideland mit Tüchern zu bedecken. Auch jetzt werden sie so bald als möglich wieder entfernt.

Die wahre Aktivistin

Ein Augenschein letzte Woche auf der Grimsel ergab: Die Installation ist noch da und doch nicht da. Nur vereinzelt ist im Schnee ein Tuch auszumachen. Eine schneidende Bise fegte über den Pass, peitschte den Totensee und gab der Landschaft ein beinahe arktisches Aussehen.

Eisglätte und Schneeverwehungen setzten neue Zeichen. Die wahre Aktivistin war nicht die Künstlergruppe "l’art pour l’aar", sondern die Natur.

Berner Zeitung Hans Köchli


 

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